Politik

Neue „kreuz & quer“-Doku über „Die Entschlüsselung des Tassilo-Codes“ am 27. Oktober um 22.35 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON

Wien (OTS) – Der Tassilokelch ist nicht nur einer der größten
Kunstschätze
Österreichs, sondern auch eines der rätselhaftesten Objekte des
Frühmittelalters. Er birgt zahlreiche Geheimnisse, Anagramme,
versteckte Abbildungen von Tieren und ikonenhafte Darstellungen.
Lange glaubte man, dass der bayerische Herzog Tassilo III. den Kelch
dem Stift Kremsmünster anlässlich seiner Gründung im Jahr 777
gestiftet hatte. Pater Altman Pötsch, Kustos des Klosters,
beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Tassilokelch und hat
erstaunliche Details entdeckt, die eine ganz neue Deutung zulassen.
Für die „kreuz & quer“-Neuproduktion „Die Entschlüsselung des Tassilo
-Codes“ hat Martin Betz mit Pater Altman Pötsch gesprochen. Wie der
Kelch von Salzburg nach Kremsmünster kam, warum er nur für
Papstbesuche das Stift verlässt und wie er zur Zeit des
Nationalsozialismus versteckt wurde, zeigt „kreuz & quer“ am
Dienstag, dem 27. Oktober 2026, um 22.35 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON
im Gespräch mit Expertinnen und Experten.

Die Inschrift des Kelchs – TASSILO DUX FORTIS und LIUTPIRC VIRGA
REGALIS – beinhaltet nämlich ein Anagramm, dessen lateinischer Text
darauf hindeutet, dass der Kelch ursprünglich nicht für Kremsmünster,
sondern für Salzburg bestimmt war. Als CALIX SALUTARIS FIT VIRGILIUS
S. RODPERGTO – so lautet der Text des Anagramms – dürfte er dem
später heiliggesprochenen Salzburger Bischof Virgil gewidmet gewesen
sein, der zu dieser Zeit in Salzburg einen Dom zu Ehren des heiligen
Rupert errichten ließ. Das kostbare Objekt könnte als Messkelch für
die neue Kathedrale gedacht gewesen sein. Auch ein Zahlenrätsel, ein
Chronogramm, hat Pater Altman entdeckt. Ihm zufolge wurde der Kelch
nicht 777, sondern erst im Jahr 781 gefertigt. Doch der „Gral von
Kremsmünster“ birgt noch viele weitere Geheimnisse. Eines davon ist
die Frage, warum sich auf seinem Kupferkern und in den Silber- und
Goldeinlagen Motive finden, die von Byzanz bis Irland reichen. Wie
weitreichend waren die Beziehungen von Tassilos Hof? „Der
Tassilokelch symbolisiert und fasst in sich eine ganze Epoche“, sagt
dazu der Kirchenhistoriker Thomas Prügl. Die Byzantinistin Claudia
Rapp erkennt byzantinische Einflüsse vor allem in der Darstellung des
Pantokrator-Christus. Auch die Marienfigur erinnert an byzantinische
Vorbilder; ihre Darstellung gilt als die älteste nördlich der Alpen.
Mariens geheimnisvoller Fingerzeig auf das „V“ der Kelchinschrift gab
Pater Altman Pötsch übrigens den entscheidenden Anstoß, das
rätselhafte Anagramm zu entschlüsseln.

Noch weitgehend ungeklärt ist die Frage, welche Bedeutung die
Darstellung der 42 Fabeltiere auf dem Kelch hat. Ihre Ornamentik
verweist auf den anglo-irischen Raum. Deshalb vermutet der Historiker
John Blair von der Universität Oxford, dass sogar Handwerker von den
Britischen Inseln an der Herstellung des Tassilokelchs beteiligt
gewesen sein könnten. Eine weitere Spur führt nach Oberitalien, zur
Gattin Tassilos, der Langobardenprinzessin Liutpirc. Das Flechtwerk
auf dem Tassilokelch entspricht exakt jenem in der langobardischen
Hofkapelle von Cividale del Friuli. Damit spiegelt der Kelch auch die
Politik des bayerischen Herzogs Tassilo wider, der gute Beziehungen
zu seinen südlichen Nachbarn pflegte und um Stabilität in
Mitteleuropa bemüht war.

Doch das Zeitfenster von Tassilos Herrschaft war kurz. Im Jahr
788 wird er von Karl dem Großen abgesetzt. Die Franken nehmen nicht
nur Tassilos Gebiete, sondern auch die meisten seiner Schätze an
sich. Mit Ausnahme des Tassilokelchs! Dieser könnte, so vermutet
Pater Altman, von Salzburg nach Kremsmünster in Sicherheit gebracht
worden sein … um dann das Kloster nicht mehr zu verlassen.
Lediglich im 20. Jahrhundert gerät der Tassilokelch in größte Gefahr.
Als das NS-Regime das Stift Kremsmünster als Lagerstätte für
wertvolle Kunstwerke des geplanten „Führermuseums“ nutzt, muss gegen
Kriegsende mit ihnen auch der Tassilokelch evakuiert werden. Zunächst
gelangt er ins Salzbergwerk von Altaussee, später in den Kaiser-Franz
-Josef-Erbstollen in Lauffen bei Bad Ischl. In einer riskanten,
privaten Geheimaktion wird der wertvolle Kelch schließlich im April
1945 nach Kremsmünster zurückgebracht – versteckt in einem Rucksack
zwischen Kartoffeln.