Ein unsichtbares Dilemma: Gehörlose in der Gesundheitsversorgung
Am 19. September 2026 um 17:30 Uhr wird im ORF-Gesundheitsmagazin „Bewusst gesund“ ein brisantes Thema beleuchtet: die erschütternden Hürden, denen gehörlose Menschen im Gesundheitsbereich begegnen. Dr. Christine Reiler führt durch die Sendung, die auf ORF 2 und ORF ON ausgestrahlt wird. Anlässlich des Internationalen Tages der Gebärdensprachen am 23. September wird der Fokus auf die oft unsichtbaren Barrieren gelegt, die gehörlose Menschen in Österreich tagtäglich überwinden müssen.
Kommunikationsbarrieren überall
Stellen Sie sich vor, Sie könnten nicht einfach zum Telefon greifen, um einen Arzttermin zu vereinbaren. Für viele gehörlose Menschen ist das bittere Realität. Die Vereinbarung eines Arzttermins wird zu einer scheinbar unüberwindbaren Hürde, ein Umstand, der sich in Arztgesprächen noch verschärft. Die fehlende Vermittlung wichtiger medizinischer Informationen in Gebärdensprache führt zu Missverständnissen und kann im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein.
Einblicke aus der Praxis: Der Alltag von Patrick Martinetz
Patrick Martinetz, ein gehörloser Gesundheits- und Krankenpfleger in der einzigen Gehörlosenambulanz Wiens, gibt Einblicke in seinen herausfordernden Alltag. „Es ist oft ein Kampf, sich verständlich zu machen“, sagt Martinetz. „Viele meiner Patienten fühlen sich im Stich gelassen, weil sie nicht in ihrer Muttersprache kommunizieren können.“
Die Rolle der Gebärdensprache
Für rund 10.000 gehörlose Menschen in Österreich ist die Gebärdensprache die Muttersprache. Seit 2005 ist die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) als eigenständige Sprache in der Bundesverfassung anerkannt. Doch trotz dieser Anerkennung sind gehörlose Menschen weiterhin mit zahlreichen Barrieren konfrontiert.
Bildung und Gebärdensprache: Ein langer Weg zur Gleichberechtigung
Auch im Bildungsbereich gibt es erhebliche Defizite. Der Zugang zu Gebärdensprachdolmetschern ist schwierig, oft müssen diese Monate im Voraus gebucht werden. Eine positive Neuerung gibt es jedoch: Mit Beginn dieses Schuljahres wird ÖGS zum Unterrichtsfach in den AHS-Oberstufen. Schüler können ÖGS als zweite lebende Fremdsprache wählen und darin maturieren. „Das ist ein wichtiger Schritt für die gesellschaftliche Teilhabe gehörloser Menschen“, erklärt Lukas Huber, Generalsekretär des Österreichischen Gehörlosenbundes.
Experten fordern mehr Unterstützung
- „Die Einführung von ÖGS als Schulfach ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es bleibt noch viel zu tun“, meint Dr. Anna Kaufmann, eine Expertin für inklusive Bildung.
- „Es ist wichtig, dass mehr Ressourcen für die Ausbildung von Gebärdensprachdolmetschern bereitgestellt werden“, fordert Dr. Thomas Müller, ein renommierter Sprachwissenschaftler.
Vergleich mit anderen Bundesländern und Ländern
Österreich ist nicht das einzige Land, das mit diesen Herausforderungen konfrontiert ist. In Deutschland gibt es ähnliche Probleme, obwohl dort die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ebenfalls anerkannt ist. In Skandinavien hingegen sind die Bedingungen für gehörlose Menschen oft besser, da dort die Gebärdensprache stärker in die Gesellschaft integriert ist.
Konsequenzen für die Gesellschaft
Die Auswirkungen dieser Barrieren sind weitreichend. Gehörlose Menschen haben oft schlechtere Gesundheitsprognosen, weil sie medizinische Informationen nicht verstehen. Dies führt zu einer erhöhten Belastung des Gesundheitssystems und letztlich zu höheren Kosten für die Gesellschaft.
Ein Blick in die Zukunft: Was muss sich ändern?
Um die Situation zu verbessern, sind verschiedene Maßnahmen erforderlich. Neben der Ausbildung von mehr Gebärdensprachdolmetschern und der Integration der Gebärdensprache in den Schulunterricht sollten auch technische Hilfsmittel stärker gefördert werden. Apps und andere digitale Lösungen könnten dazu beitragen, die Kommunikationsbarrieren zu überwinden.
Politische Verantwortung
Die Politik ist gefordert, diese Themen stärker in den Fokus zu rücken. „Es ist an der Zeit, dass die Regierung mehr Mittel für die Unterstützung gehörloser Menschen bereitstellt“, fordert Lukas Huber. „Nur so können wir eine inklusive Gesellschaft schaffen, in der jeder die gleichen Chancen hat.“
Der Weg zur Inklusion: Eine gesellschaftliche Herausforderung
Die Barrieren, denen gehörlose Menschen im Gesundheitsbereich begegnen, sind ein Spiegelbild der Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft steht. Es bedarf eines gemeinsamen Kraftakts von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, um diese Hürden abzubauen und eine inklusive Zukunft zu gestalten.
Bleiben Sie dran, wenn Dr. Christine Reiler am 19. September weitere Einblicke in dieses wichtige Thema gibt.