Wien setzt ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus
Am 11. Juni 2026 hat die Stadt Wien ein beachtliches Projekt zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals enthüllt, das ein klares Zeichen gegen Antisemitismus setzen soll. Das Denkmal des umstrittenen ehemaligen Bürgermeisters Karl Lueger wurde in einer künstlerischen Intervention von Klemens Wihlidal um 3,5 Grad nach rechts geneigt. Diese Veränderung verwandelt das Denkmal in einen Lern- und Diskussionsort, der Besucher für Antisemitismus und politischen Populismus sensibilisieren soll.
Die Geschichte hinter dem Lueger-Denkmal
Karl Lueger, der von 1897 bis 1910 Bürgermeister von Wien war, ist eine umstrittene Figur in der österreichischen Geschichte. Er war bekannt für seine antisemitischen Ansichten und seine populistische Politik. Das ursprüngliche Denkmal, das 1926 von Joseph Müllner geschaffen wurde, spiegelte eine konservative Formensprache wider, die heute kritisch betrachtet wird.
Der künstlerische Eingriff: „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“
Die künstlerische Intervention von Klemens Wihlidal, bekannt als „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“, bringt das Denkmal visuell aus der Balance. Diese subtile, aber wirkungsvolle Veränderung soll die unkritische Huldigung Luegers herausfordern und eine öffentliche Diskussion über seine antisemitische Rhetorik und Politik anregen. Durch die Neigung entsteht ein Bild zwischen Stehen und Fallen, das die Monumentalität des Denkmals in Frage stellt.
Reaktionen aus der Kunst- und Wissenschaftsszene
Eva Maria Stadler, Professorin an der Universität für angewandte Kunst und Vorsitzende der Jury, die den Entwurf auswählte, betont: „Ein Monument gerät in Schieflage. Diese Intervention ist ein starkes Zeichen in der öffentlichen Wahrnehmung und soll vor Schlimmerem warnen.“ Auch der Historiker Oliver Rathkolb unterstreicht die Bedeutung dieser kritischen Auseinandersetzung und die Verbindung der antisemitischen Demagogie Luegers mit den Wurzeln des Nationalsozialismus.
Die gesellschaftliche Debatte und ihre Bedeutung
Die Umgestaltung des Denkmals ist Teil einer breiteren Debatte über den Umgang mit historischen Persönlichkeiten, deren Ansichten und Taten heute kritisch bewertet werden. Bereits 2021 fand im Wiener Rathaus ein Forum statt, das Expert*innen aus verschiedenen Bereichen zusammenbrachte, um über diese Thematik zu diskutieren.
Die Stadt Wien hat sich entschieden, ein starkes Zeichen zu setzen, das sich mit gesellschaftlichem Nachdenken über Geschichte und Verantwortung im Heute auseinandersetzt. Dieses Projekt ist Teil einer langfristigen Strategie, die in der Kulturstrategie 2030 und im aktuellen Regierungsprogramm verankert ist.
Finanzierung und Umsetzung des Projekts
Die Gesamtkosten des Projekts „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ belaufen sich auf rund 776.000 Euro. Diese Summe deckt nicht nur die künstlerische Intervention, sondern auch die Restaurierungsarbeiten am Denkmal ab. Dazu gehörten die Wiederherstellung abgeschlagener Teile und die Entfernung von Farb- und Bitumenschichten. Dank der parallelen Umsetzung von Instandhaltungsmaßnahmen konnten diese Arbeiten kostenschonend abgeschlossen werden.
Einbindung der Öffentlichkeit und Bildungsangebote
Die Stadt Wien legt großen Wert auf die Einbindung der Öffentlichkeit in dieses Projekt. In Kooperation mit dem Jüdischen Museum und anderen Institutionen wurden Vermittlungsangebote für Schulklassen und Gesprächsformate für Universitäten und Volkshochschulen entwickelt. Diese Maßnahmen sollen das Bewusstsein für die Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus in Wien schärfen.
- Vermittlungsangebote für Schulklassen
- Workshops zu Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus
- Regelmäßige Führungen zu Gedenkorten der österreichischen Erinnerungskultur
Zukunftsausblick: Ein Mahnmal für kommende Generationen
Die Stadt Wien hofft, dass das umgestaltete Lueger-Denkmal als Mahnmal für zukünftige Generationen dienen kann. Angesichts des weltweit zunehmenden Antisemitismus ist es entscheidend, Orte des Erinnerns und der Begegnung zu schaffen. Die Stadt plant, das Vermittlungsprogramm weiter auszubauen und neue Kooperationen mit kulturellen und Bildungseinrichtungen einzugehen.
Veronica Kaup-Hasler, Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, betont: „Für ein ‚Niemals wieder!‘ braucht es Orte des Erinnerns. Antisemitismus ist weltweit im Steigen begriffen – eine Entwicklung, die auch vor Wien nicht Halt macht.“
Ein Mahnmal als lebendiger Lernort
Das Lueger-Denkmal soll nicht nur ein Ort des Gedenkens sein, sondern auch ein lebendiger Lernort, der Besucher zur kritischen Auseinandersetzung anregt. Künstler Klemens Wihlidal sieht seine Intervention als Ausgangspunkt für individuelle und kollektive Denkprozesse, die zu einem besseren Verständnis der Vergangenheit und ihrer Auswirkungen auf die Gegenwart führen können.
Die Stadt Wien hat mit diesem Projekt einen bedeutenden Schritt in Richtung einer reflektierten und verantwortungsvollen Erinnerungskultur gemacht. Es bleibt zu hoffen, dass andere Städte diesem Beispiel folgen und ebenfalls ihre Denkmäler in einen zeitgemäßen Kontext stellen.
